18. Guillelmus de Sonayo (Sonaio) (Guillaume de Sonnac). 1247-11. Februar 1250

Der 18. Grossmeister Guillelmus de Sonayo stammte wahrscheinlich
aus Saunhac-Belcastel. Wenn diese Vermutung zutrifft, war das Schloss
seiner Väter zwischen Rodez und Villefranche-de-Rouergue am Nordufer
des Aveyron gelegen. Er war 1224 Präzeptor von Auzon in der Nähe
von Poitiers und zehn Jahre, 1236-1246, oder länger Provinzialkomtur
von Aquitanien gewesen, das in diesen Jahren unter den Kriegszügen
Heinrichs III. und Ludwigs IX. schwer zu leiden hatte. 1243 sandte
Guillaume Bruder Thomas zu König Heinrich, den er dominus et magister
domorum nostrarum nennt, mit der Bitte, die Schäden, die der Orden
während des Krieges in der Gascogne und bei Rochechalais erlitten
habe, zu ersetzen; der König möge ausserdem untersagen, dass die Bürger
von Bordeaux ein pedagium, einen Wegzoll, vom Orden forderten. Der
Stadt gegenüber hoffte Guillaume, die Rechte des Ordens durchsetzen
zu können. König Heinrich III. selbst allerdings betrachtete die Templer
als seine Lehnsleute und bediente sich ihrer, wo sie ihm von Nutzen sein
konnten. So verbot er 1243 dem englischen Meister die Ausreise, obwohl
zu dieser Zeit alle streitbaren Kräfte im Orient gebraucht wurden, und
verlangte, dass der derzeitige Grossmeister seine Anforderung des englischen
Meisters zurückzöge. Alle Privilegien des Ordens galten gegenüber
den Landesherren nichts. Nur im Orient, wo es keinen König mehr gab,
wurde der Grossmeister ein souveräner Herr. Für die Führung des Ordens
hatte er Erfahrungen gesammelt. Eür seine politischen Aufgaben musste
er sich auf den Rat der erfahrenen Ordensbrüder verlassen.

Im Gefolge der Gräfin Isabella von Marche und Angouleme, der Witwe
König Johanns von England, kam Guillaume im Februar 1244 nach Paris
an den Hof Ludwigs IX . Sie bat den König, die Söhne aus ihrer zweiten
Ehe zu seinen Lehnsleuten zu machen. 1246 wiederholte sie ihre Bitte;
vielleicht gehörte frater Guillaume de Sonnac zu den Überbringern ihres
Schreibens. König Ludwig bereitete in dieser Zeit seinen Kreuzzug
vor, wozu auch er die Dienste der Templer in Anspruch nahm. Auf
diesen König richteten sich die Hoffnungen der Christen im Orient. Es
war wichtig, dass der neue Grossmeister ihm bekannt war, ein Mann, den
der mit Lob so sparsame Matthäus Parisiensis „verständig und umsichtig,
und auch in Kriegsdingen erfahren und erprobt” nennt. Guillaume de
Sonnac wurde 1247 zum Grossmeister gewählt und kam wohl auch in
diesem Jahr ins Heilige Land. Im April 1248 traf ein Bote von ihm in
Venedig ein, der eine Entschädigung bestimmen sollte für den Schaden,
den Kaufleute von Venedig, Veglia ( Krk ) und Arbe (Rab) beim Brand und
der Einnahme der Stadt Signia (Senj) erlitten hatten. Wahrscheinlich
hatten ungarische Templer mit ihren Landsleuten den Aufstand der Stadt
Zara (Zadar) gegen Venedig, der 1247 beigelegt worden war, unterstützt

In Istrien waren die Templer, die schon von Bela II. (gestorben 1141 in Vrana angesiedelt
worden waren, hoch angesehen. Noch am 9. April 1305 wurde
dem Templerbruder Simon de Ajex das wirtschaftlich und in spiritualibus
verkommene Kloster S. Michael de Lemmo bei Parenzo (Porec, n. von Pola)
übergeben, in das zwei Tage darauf eine Frau als conversa eintratlla ) .
Es ist möglich, dass der Grossmeister seinen Weg in den Osten über Rom
nahm und sich dort persönlich für seinen Verwandten, den Templer-
Kleriker Hugo de Nissun, einsetzte. Innozenz IV. kam seiner Bitte nach.
Hugo wurde zum Bischof von Sebaste designiert. 1253 wiederholte der
Papst seine Anweisung an den Patriarchen, Hugo de Nissun dies Bistum
in der Kirchenprovinz Caesarea zu übertragen. Der Kardinallegat investierte
Hugo, aber da sein Bistum in partibus infidelium lag, wurde
er päpstlicher Kaplan und Kanoniker der Grabeskirche, später ihr
Prior – die Kleriker der Grabeskirche lebten in Akko -, behielt aber als
solcher die Verwaltung von Sebaste. Diese Ämter verdankte Hugo
wohl der Verwendung des Grossmeisters beim Papst und seinem Ansehen
bei der Kurie noch über seinen Tod hinaus.

König Ludwig landete am 17. September 1248 auf Zypern. Anstatt
das gut ausgerüstete Heer sogleich zum Angriff zu führen, wurde auf den
Rat der weltlichen und geistlichen Fürsten beschlossen, die Ankunft
weiterer Kreuzfahrer abzuwarten und dann Ägypten anzugreifen. Wieder
richtete sich der Zug nicht nach Jerusalem. Man sah, wie Hermann von
Peragors – dies sei besonders betont -, im Sultan von Ägypten den
Gegner, der besiegt werden musste. Dann erst konnte auch das Heilige
Land zurückerobert werden. Kurz vor dem Aufbruch nach Damiette,
im Frühjahr 1249, gab Guillaume auf Wunsch des Königs der Herzogin
von Bourbon ein Darlehen von 10000 goldenen syrischen Besanten, eine
Summe, die er selbst von Genueser Kaufleuten leihen musste, denn der
Orden hatte im Orient keine so grosse Summe zur Verfügung. Die Herzogin
bürgte mit ihrem Besitz für die Rückgabe des Geldes. Der Kredit
des Templermeisters war grösser als der ihre; ihm und auf seine Bürgschaft
wurde eine so grosse Summe zur Verfügung gestellt.

Es war ein taktischer Fehler, dass das Heer des Königs ein halbes Jahr
untätig in Zypern blieb. Im Spätherbst 1248 zog Ajjüb nach Syrien,
um Horns zu belagern, das er nicht an-Nasir Jüsuf von Aleppo überlassen
wollte, dem einzigen Gegner unter den Ajjübiden, der ihm gefährlich
werden konnte. Als der Sultan mit seinem Heer bei Gaza stand, waren
Jaffa und Caesarea bedroht und wären gegen einen Angriff nicht zu halten
gewesen, wie der Templergrossmeister und der Marschall der Johanniter,
deren Grossmeister noch in Gefangenschaft in Ägypten war, den König
wissen liessen. – Nur Matthäus Parisiensis will wissen, dass
König Ludwig auf Zypern zunächst Templer und Johanniter versöhnt
habe. – Aber der Sultan bedrohte diesmal nicht die Christen. Er sandte
vielmehr, da er schon schwer leidend war, einen Unterhändler zum Grossmeister,
um zu erfahren, ob der König einem Friedensvertrag geneigt sei.
Der Kardinallegat Odo, auf dessen Brief in den Westen unsere Kenntnis
dieses Angebots zurückgeht, liess den Verdacht aufkommen, die Verhandlungen
seien vom Grossmeister ausgegangen; das habe den König erzürnt,
als Eingeständnis der Schwäche des christlichen Heeres. Die Grandes
Chroniques de France machen irrtümlich Guillaume zum Freund und
Blutsbruder des Sultans, indem sie die bezeugte engere Verbindung des
späteren Grossmeisters Guillaume de Beaujeu zu den Mamlüken-Emiren
auf Guillaume de Sonnac beziehen. Von diesem Waffenstillstands-
angebot wissen die arabischen Chronisten nichts, auch nichts von einem
Bündnisangebot des Fürsten von Aleppo über den Johannitermarschall,
nachdem der Sultan mit Aleppo Frieden geschlossen hatte, das der König
ebenso ablehnte. dass die beiden Ordensoberen sich miteinander erst an
den König wandten, dann aber sich der Templer für einen Vertrag mit
dem Sultan, der Johanniter sich für einen Vertrag mit Aleppo verwendete,
zeigt, dass beide nicht auf eine bestimmte „Politik” festgelegt
waren; vor 1244 hatten die Templer mit as-Salih Ismä’il von Damaskus,
die Johanniter mit dem ägyptischen Sultan einen Waffenstillstand
geschlossen. Beide zogen Verhandlungen einem kriegerischen Unternehmen
vor, da die Streitkraft der Orden durch die Niederlage von 1244
noch geschwächt war. Sie erhofften günstige Bedingungen für die Christen,
da Sultan und Emir Ludwigs Heer fürchteten. Grossmeister und
Johannitermarschall fügten sich dem König. Auch hier gab es wieder
Rivalität, aber keine Feindschaft. Das gute Verhältnis zwischen beiden
und dem König blieb ungetrübt. Ludwig IX. hat nie wie Friedrich II.
Klage über aufsässige und widerstrebende Templer geführt.

Der Verlauf von Ludwigs Kreuzzug ist bekannt. Über die unerwartet
schnelle Einnahme von Damiette berichtete der Grossmeister selbst
dem englischen Provinzialpräzeptor. Joinville, der 50 Jahre später die
Ereignisse dieses Feldzuges, den er mitgemacht hat, aufzeichnete, rühmt
immer wieder die Tapferkeit der Templer, die in gewohnter Weise bei
dem Zug des Heeres ins Innere Ägyptens im November 1249 die Vor-
oder Nachhhut bildeten. Am 8. Februar 1250 überschritt die Vorhut
des christlichen Heeres den Nilarm von Aschmün in einer Furt, schlug
« ine muslimische Heeresgruppe, der dieser Angriff unvermutet kam, und
lotete den Emir Fakhr-ad-Dm, der nach dem den Muslimen noch nicht
bekanntgegebenen Tode Ajjübs die Führung des Heeres übernommen
hatte20), bis Ajjübs Sohn aus Syrien gekommen war. Anstatt nach ausdrücklicher
Weisung des Königs die Ankunft des christlichen Heeres
abzuwarten und trotz der Warnung des Grossmeisters, stürmte der Graf
von Artois, des Königs Bruder, nach diesem Erfolg weiter zur Stadt
Mansürah vor und drang hinein. Der Sieg der Christen schien gewiss,
aber die engen Strassen der Stadt und der Angriff zweier Mamlüken-
Regimenter wurde den Christen zum Verhängnis. Die Niederlage der
Christen war grösser, obgleich auch die Muslime von den nachrückenden
Scharen des Königs schwere Verluste erlitten. Fast alle Templer kamen
um; der Grossmeister wurde schwer verletzt. Matthäus Parisiensis
nimmt die Gelegenheit wahr, in seinem romanhaften Bericht über Ludwigs
Kreuzzug den unüberlegten Angriff des Grafen Robert mit einer
Auseinandersetzung zwischen ihm und dem Templermeister auszuschmücken.
Er lässt Robert den Grossmeister aufs heftigste angreifen,
nachdem dieser sich geweigert hatte, vorzurücken, und legt ihm alle
auch sonst gegen den Orden vorgebrachten Klagen in den Mund: lange
wäre der ganze Orient erobert, wenn es nicht Templer und Johanniter
durch ihre Machenschaften verhinderten; denn wenn der ganze Orient
christlich würde, hätte ihre Herrschaft dort ein Ende und sie würden ihre
reichen Besitzungen im Heiligen Lande einbüssen, Äusserungen einer
jetzt häufig sich zeigenden Kritik an den Kreuzzügen überhaupt. Aus
anderen Berichten geht hervor, dass die Templer gegen ihre bessere Überzeugung
Robert folgten und dass die Schuld an der Niederlage, die die
Überwältigung des christlichen Heeres und die Gefangennahme des
Königs einleitete, den Grafen von Artois trifft.

Der Grossmeister verteidigte mit dem ihm gebliebenen Templern am
11. Februar 1250 das Lager des Königs und verlor im Lanzenregen der
Feinde sein Leben. Der Angriff wurde abgeschlagen, aber die schweren
Verluste der Christen waren nicht zu ersetzen.